Zurück in den Rhythmus
Niklaus, heute 76 Jahre alt, war immer aktiv. Früher beruflich als Schreiner, aber vor allem draussen in seiner Freizeit. In den Bergen, im Schnee, auf Skitouren oder auf Fernwanderungen mit der Familie. Viele Wochen verbrachte er mit seiner Frau im Maiensäss im Prättigau, ging auf Touren, arbeitete im Wald, suchte Pilze in steilem Gelände, war in Bewegung. Das war sein Rhythmus. Noch wenige Tage vor dem Eingriff ist er unterwegs. Drei Stunden Aufstieg, wie so oft. Ahnungslos, wie geschädigt sein Herz schon ist.
Wenn der Körper nicht mehr mitmacht
Rückblickend weiss Niklaus: Es gab schon früher Anzeichen. Momente in den Bergen, in denen er plötzlich erschöpft war, in denen die Kraft fehlte. Doch er deutete sie anders: als Überlastung, als normalen Teil eines aktiven Lebens und des Älterwerdens.
Doch an diesem Tag im Dezember 2024 ist es anders. Schwer zu beschreiben sei das komische und beängstigende Gefühl, sagt er. Er ist alleine zuhause, seine Frau in ihrer Heimatstadt Prag. Das Herz rast – so schnell, dass er keinen Puls mehr spürt. Keine Kontrolle, Atemnot, Todesangst. Gegen Abend ruft er seinen Arzt an. Kurz darauf sitzt er im Behandlungszimmer, dann kommt die Ambulanz. Fahrt ins Spital, Untersuchungen, Medikamente.
Ein paar Tage später passiert es wieder. Mitten in der Nacht. Wieder dieses Gefühl, wieder keine Luft, wieder diese Angst, wieder mit der Ambulanz ins Spital. Heute weiss er: Das war Vorhofflimmern – ein unregelmässiger Herzrhythmus, bei dem das Herz plötzlich aus dem Takt gerät.
Ernste Diagnose, grosse Operation
Erst im Verlauf weiterer Abklärungen zeigt sich, wie stark sein Herz bereits betroffen ist. Geplant ist zunächst ein nicht allzu grosser Eingriff für einen Stent, um die Durchblutung zu verbessern. Doch daraus werden mehrere Eingriffe mit einer grossen Herzoperation in Zürich und vier eingesetzten Bypässen.
Die Diagnose: eine koronare Herzkrankheit, also verengte Herzgefässe, kombiniert mit Vorhofflimmern. «Es kam zu wenig Blut, zu wenig Sauerstoff ins Herz – wie ein Motor ohne genügend Treibstoff», erklärt Prof. Dr. med. Michele Genoni, Ärztlicher Direktor der Rehaklinik Seewis. Die fast fünfstündige grosse Operation Ende Januar 2025 verläuft gut. Doch nun beginnt ein weiter Weg für Niklaus. Drei Wochen Rehabilitation in der Rehaklinik Seewis, um den Körper wieder aufzubauen und den Umgang mit der Erkrankung zu lernen.
Der eigentliche Tiefpunkt
Als Niklaus in der Reha ankommt, merkt er bald, wie erschöpft er wirklich ist. Bewusst hat er sich für die Rehaklinik in Seewis entschieden. Die Gegend kennt er von seinen Touren, sein Maiensäss ist nicht weit entfernt – und seine Frau kann ihn regelmässig besuchen. Das gibt ihm Halt in einer Zeit, in der vieles unsicher ist.
Sein Zimmer ist im dritten Stock. Eigentlich kein Problem per Treppe, denkt er. Doch nach dem ersten Stock braucht er einen Stuhl für eine Pause. «Ich hätte nie gedacht, dass eine Operation einem so viel Kraft nehmen kann.» Der Körper, der ihn sein Leben lang getragen hat, funktioniert plötzlich nicht mehr wie gewohnt.
Schritt für Schritt zurück, den Berg im Blick
Die Tage in der Reha sind eng getaktet. Spaziergänge und Wandergruppen, Atemtherapie, Velotraining, Kraftübungen, Ernährungsberatung, Termine bei den Ärzt:innen. Ein Programm, das fordert und genau deshalb gut ist. Es zwingt Niklaus, aktiv zu werden, körperlich, aber auch im Kopf: keine grossen Sprünge, sondern kleine Schritte. «Ein guter Wanderer fängt langsam an und überholt mit der Zeit alle», sagt Michele Genoni. Ein Bild, das für Niklaus passt. Er kennt das. Und er beginnt, sich genau so wieder aufzubauen.
Im Trainingsraum steht ein Gerät ganz hinten. Von dort aus sieht er den Sassauna-Gipfel. 2307 Meter. «Dort will ich wieder hin.» Dieser Gedanke bleibt. Still, aber klar. Nicht als Druck, sondern als Richtung.
Hier auf dem Bild Michele Genoni mit einem Patient
Mehr als Therapie
Was ihn in dieser Zeit prägt, ist nicht nur das Therapieprogramm. Es sind die Menschen der Rehaklinik Seewis. Die Gespräche, der Zuspruch und die kleinen Dinge. Ein einmal gewünschter Krug heisses Wasser, der bei jeder Mahlzeit bereitsteht, ohne dass er nochmals etwas sagen muss. Ein Wort im richtigen Moment. Ein Lächeln.
«Es fühlt sich sehr familiär an in der Klinik. Vom Koch bis zum Chefarzt, alle sind einfach sehr empathisch», sagt Niklaus. «Wir behandeln die Patient:innen nicht nur – wir betreuen sie», ergänzt Michele Genoni die Philosophie der Klinik. «Entscheidend ist, dass sie wieder Vertrauen in ihren Körper gewinnen.»
Zurück ins Leben – und auf den Berg
Etwa zwei Monate nach der Reha geht Niklaus wieder ins Maiensäss. Er ist draussen, sammelt Pilze, bewegt sich im Gelände – auch in steileren Bergwäldern. Noch vorsichtig, aber mit wachsendem Vertrauen, auch zusammen mit seinen Enkelkindern.
Zehn Monate nach der Operation der nächste Schritt: seine erste Skitour. «Ich habe noch nie so andächtig die Felle auf die Skier getan», erinnert sich Niklaus noch genau. Eine gewisse Nervosität ist da. «Ich wusste nicht, wo ich wirklich stand – auch konditionell nicht.» Die Bedingungen sind alles andere als ideal. Zu wenig Schnee, Nebel. Eigentlich keine Tour, die er früher gemacht hätte. «Aber ich hatte so eine riesige Freude!», fasst Niklaus zusammen und ergänzt: «Der entscheidende Unterschied zeigt sich im kurzen Aufstieg zur Hütte: Ich laufe nicht mehr heiss. Ich kann wieder in meinem Rhythmus gehen, ohne dass der Puls hochschnellt.» Am nächsten Tag dann hinauf zum Stelli, einem 1976 Meter hohen Übergang am östlichen Fuss des Sassauna. «Wunderschöner Pulverschnee, wieder das wunderschöne leichte Schweben im Tiefschnee! Wieder Leben!», freut sich Niklaus.
In dieser Zeit wird Niklaus bewusst, dass er ein neues Leben geschenkt bekommen hat. Und dass es wichtig ist, nicht in Selbstmitleid zu versinken, sondern aufzustehen, um das neue Leben auszukosten.
«Ich hatte so eine riesige Freude!»
Was bleibt
Es war kein einfaches Jahr, sagt Niklaus. Aber eines, das zu seinem Leben gehört. Er sieht die Situation nicht als Bruch, sondern als Teil seines Weges. Als ein Abenteuer, durch das er gehen musste. Heute ist vieles wieder möglich. Denn das Entscheidende ist zurück: das Vertrauen in den eigenen Körper. Und der eigene Rhythmus, in dem er ein Jahr nach der Operation auch wieder den Sassauna-Gipfel in vier Stunden bestiegen hat.