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14.09.2026

Zurück auf Stelzen: Wie Artist Rey Reloba wieder in Bewegung kam

Nach einer schweren Verletzung an beiden Knien fand Artist Rey Reloba mit viel Training und Ausdauer zurück in seinen bewegten Alltag. Acht Jahre später kehrt er auf Stelzen an die Rehaklinik Dussnang zurück – an den Ort, an dem seine Rehabilitation begann.

Text: Nicole Urweider

Acht Jahre nach einer schweren Verletzung an beiden Knien kehrt der Artist Rey Reloba an die Rehaklinik Dussnang zurück. Nicht als Patient, sondern als Entertainer – auf Stelzen. Dazwischen liegt ein Weg voller Training, Geduld und Hartnäckigkeit. Und die Erkenntnis, dass Stärke manchmal auch bedeutet, besser auf sich selbst zu achten.

Auf seinen Stelzen ist Rey Reloba kaum zu übersehen. Er läuft, tanzt, jongliert, spielt Instrumente und bringt sein Publikum zum Lachen. Als er im Juni 2026 bei einem Anlass in der Rehaklinik Dussnang auftritt, ist das für ihn dennoch kein Auftritt wie jeder andere. Denn diesen Ort kennt Rey aus einer ganz anderen Perspektive. Einst war er hier Patient. Damals sass er zunächst im Rollstuhl, beide Beine praktisch gestreckt. Heute bewegt er sich wieder hoch über dem Boden durch den weitläufigen Klinikpark.

Ein Künstler, der Bewegung braucht

Rey stammt aus Kuba und ist ausgebildeter «Roter Clown». Heute lebt er in der Schweiz und arbeitet als Comedy- und Varietékünstler. Er zaubert, jongliert, tanzt, läuft auf Stelzen und verbindet in seinen Shows verschiedene Formen der Artistik und Unterhaltung. «Dieser Beruf braucht Bewegung», sagt Rey. Und fügt lachend hinzu: «Wenn ich ruhig bin, ist das nicht gut.» Akrobatik gehört seit jeher zu seinen Auftritten. Früher waren die Einlagen allerdings waghalsiger. Eine seiner Spezialitäten war der «Salto Arabesco», eine besondere Form des Seitwärtssaltos über die Schulter. Im Zirkus sei er für diesen Salto bekannt gewesen, erzählt er stolz.

Im Handstand direkt ins Auto

Seine Beine sind damit nicht nur für Reys Alltag wichtig. Sie sind sein Arbeitsinstrument. Umso einschneidender ist, was ihm im Mai 2018 passiert. Ausgerechnet dieser Unfall geschieht nicht bei einem Salto, nicht auf Stelzen und nicht in der Manege, sondern zu Hause. Rey und seine Familie renovieren damals ihr Haus. Als Rey ein schweres Stück Holz wegräumen will, stolpert er an einer kleinen Treppe und stürzt.

Die Folgen sind schwerwiegend: An einem Bein reisst die Kniescheibensehne, am anderen die Quadrizepssehne. Eine Kniescheibe ist verschoben. Rey kann nicht mehr aufstehen, seine Familie kann ihn nicht tragen. Doch irgendwie muss er ins Auto und ins Spital. Seine kräftigen Arme und sein trainierter Oberkörper helfen ihm dabei. «Im Handstand direkt ins Auto», erinnert er sich.

 

«Die nächsten zwei Monate können Sie vergessen»

Am nächsten Tag werden beide Knie operiert. Im Spital fragt seine Frau und Managerin Claudia die behandelnde Ärztin, wann Rey wieder arbeiten könne. Der Juni steht bevor – für ihn traditionell einer der wichtigsten Monate des Jahres voller gebuchter Auftritte. Die Antwort der Ärztin ist deutlich: «Die nächsten zwei Monate können Sie vergessen.» Für Rey und Claudia ein Desaster: Auftritte absagen, Ersatzkünstler finden, Kunden informieren. Und für Rey stellt sich eine noch viel grundsätzlichere Frage: Was passiert mit einem Künstler, dessen Beruf von seinen Beinen lebt? «Ich hatte Angst», erinnert er sich. «Was mache ich jetzt?».

«Ich mache den Salto noch einmal»

Aufgeben kommt für Rey trotzdem nicht infrage. Menschen aus seinem Umfeld sagen ihm, dass er nach dieser Verletzung wohl nie mehr einen Salto machen werde. Reys Antwort steht für die Haltung, die ihn durch die kommenden Monate trägt: «Doch. Ich mache den Salto noch einmal.»

Nach rund einer Woche im Spital kommt er direkt in die Rehaklinik Dussnang. Etwa einen Monat verbringt er dort. Die Situation ist ungewohnt. Seine Beine kann er kaum beugen. Selbst alltägliche Dinge wie Sitzen oder Duschen werden zur Herausforderung. «Versuch mal, mit gestreckten Beinen auf die Toilette zu gehen!», erinnert er sich. Und da ist noch etwas, das Rey besonders schwerfällt: Ruhe. Zu Hause ist er normalerweise ständig in Bewegung, umgeben von seiner Familie. Nun ist er allein in der Klinik und auf Hilfe angewiesen. Der erste Tag sei schwierig gewesen, erzählt er. Doch das ändert sich schnell.

«Langsam, aber gut»

In Dussnang beginnt die Rehabilitation. Die fachkundige physiotherapeutische Begleitung steht an erster Stelle. Sie hilft Rey dabei, im Rahmen der Medizinischen Trainingstherapie (MTT) gezielt Muskulatur aufzubauen und seine Beweglichkeit zu verbessern. Ergänzend werden seine Knie mithilfe einer motorisierten Bewegungsschiene regelmässig kontrolliert gebeugt und gestreckt. Rey will vorwärts. Am liebsten schnell. Eine Therapeutin der Klinik bremst seinen Tatendrang immer wieder etwas. «Langsam, aber gut», erinnert sich Rey an ihre Botschaft, um korrekt zu trainieren.

Jeden Morgen trainiert er. Kraft und Beweglichkeit, allem voran die Beine. Immer wieder ein bisschen mehr. Auch die klare Struktur und die umsorgte Atmosphäre in der Klinik helfen ihm. Therapie, Training und Erholung geben seinem Alltag einen Rhythmus. So kann er sich ganz darauf konzentrieren, wieder beweglicher und selbstständiger zu werden.

 

Der Entertainer im Rollstuhl

Allerdings wäre Rey nicht Rey, wenn er sich in Dussnang nur auf seine eigene Genesung konzentriert hätte. Andere Patient:innen erkennen den Künstler. Im Restaurant bittet ihn jemand, einen Trick zu zeigen. Also zaubert er – im Rollstuhl. Bald unterhält er Mitpatient:innen und Mitarbeitende.

Eine Begegnung ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Eine Mitpatientin glaubt kaum noch daran, dass es für sie wieder aufwärtsgehen kann. Rey beginnt mit ihr zu reden und versucht, sie aufzumuntern. Später sucht sie immer wieder seinen Kontakt, und sie trainieren zusammen. Rey merkt, dass seine Energie auch anderen hilft. «Die Leute brauchen nur ein bisschen Sonne. Sonne, die eine Person geben kann», sagt er.

Ein Salto als persönliches Ziel

Drei Monate nach der Rehabilitation steht Rey vor einem Trampolin. Er will ausprobieren, was viele für unmöglich gehalten haben. Er springt und macht wieder einen Salto – ein wichtiger persönlicher Meilenstein für ihn, auch wenn er danach die Saltos bald wieder aus dem Programm streicht. Das hat nicht nur mit seiner damaligen Verletzung zu tun. Auch für einen erfahrenen Artisten verändert sich der Körper mit den Jahren. Rey hat seine Shows angepasst. 

Doch Bewegung bestimmt seinen Beruf weiterhin. Er tanzt Salsa, Merengue und Bachata, macht Akrobatik mit einem jüngeren Kollegen und steigt regelmässig auf seine Stelzen. «Für mich ist es perfekt», sagt er über seine Knie heute.

«Glaub an dich und trainiere. Für dich.»

Positiv sein und auf sich selbst schauen

Rey ist überzeugt, dass die eigene Haltung viel zum Weg zurück beiträgt. Seine Botschaft an andere Patient:innen: «Glaub an dich und die Rehabilitation, iss gesund und trainiere konsequent – nicht für andere, sondern für dich selbst.»

Gleichzeitig hat Rey gelernt, besser auf seinen Körper zu achten. Als Zirkusartist war er es gewohnt, sich viel zuzutrauen und Risiken einzugehen. Heute wägt er bewusster ab. Aufs Snowboarden etwa verzichtet er seit seinem Unfall. Unnötige Risiken möchte er nicht mehr eingehen, dafür ist ein funktionierender Körper für seinen Beruf zu wichtig. «Ich habe andere Prioritäten und gelernt, mich besser um mich selbst zu kümmern», sagt Rey.

Zurück in Dussnang – diesmal auf Stelzen

Im Juni 2026 schliesst sich für Rey ein Kreis. Im Rahmen der Dussnanger Summernight, des Netzwerkanlasses der Rehaklinik Dussnang, kehrt er in die Klinik zurück – dieses Mal als Künstler. Er macht Show, tanzt und läuft auf Stelzen. Einige Mitarbeitende von damals trifft er wieder. «Wow, der Mann, der beide Knie kaputt hatte, geht jetzt auf Stelzen!», hört Rey von Mitarbeitenden.

Wo er einst lernen musste, seine Knie wieder zu bewegen, zeigt er heute wieder, was ihn als Künstler ausmacht. Für Rey ist seine Rückkehr deshalb auch eine Gelegenheit, den Menschen zu danken, die ihn auf diesem Weg begleitet haben. «Die Klinik hat mir sehr geholfen, dass ich heute wieder all das machen kann. Dafür sage ich dem ganzen Team Danke.»