Griff für Griff zum grossen Ziel
Sie atmet tief ein und aus. Ihre Hände, weiss gefärbt durch das Magnesium, greifen sich an den Holds fest. Los geht’s. Wieder schallt ein motivierendes «Hopp Doris, du schaffst das!» durch die Halle. Mittlerweile haben sich alle ihre Teamkolleginnen und -kollegen vor der Wand versammelt. Gespannt warten sie auf Doris’ ersten Zug. Das gemeinsame Kadertraining des Swiss Para Climbing Team ist zentraler Bestandteil von Doris’ Saisonvorbereitung. Neben individuellen Einheiten und regelmässigen Gruppensessions mit der Innerschweizer Fraktion sind es vor allem diese Trainings, die ihren ganz eigenen Mehrwert bieten. Hier kommen Athletinnen und Athleten aus der ganzen Schweiz zusammen – Menschen, die wie Doris trotz körperlicher oder kognitiver Einschränkungen Spitzenleistung erbringen. «Wir pushen uns gegenseitig, motivieren einander. Und fangen uns auch auf, wenn mal etwas nicht so läuft», sagt sie.
Das Klettern gibt mir Stärke und Kraft.» Paraclimberin Doris Rohner beim Vorbereitungstraining in Uster.
«Allez, Doris!» Ein Ruf, der für einen kurzen Moment die konzentrierte Stille in der Kletterhalle GRIFFIG durchbricht. Doris Rohner steht vor der Kletterwand. Es ist bereits die vierte Route, die sie an diesem Trainingstag in Uster absolviert. Schwierigkeitsstufe 6B Plus – eine Herausforderung für die Athletin, die an Multipler Sklerose (MS) leidet.
Nicht immer fühlte es sich für Doris an, als könnte sie in ihrem Körper über sich hinauswachsen. Seit ihrem 17. Lebensjahr lebt sie mit der Diagnose Multiple Sklerose, einer chronischen Autoimmunerkrankung des Nervensystems. Mitte zwanzig folgt dann ein so schwerer Schub, dass sich ihr Leben fundamental veränderte. Seit da an ist sie eingeschränkt in ihrer Mobilität, muss mit einem veränderten Alltag klarkommen. Und steht vor der Herausforderung, ihren eigenen Körper neu kennenzulernen.
Was sie immer wieder inspiriere, sei die Kreativität ihrer Teamkolleginnen und -kollegen. Ob blind, gelähmt oder trotz fehlender Körperteile: Die Art und Weise, wie sie an der Wand Herausforderungen lösen und den Weg nach oben finden, beeindruckt die Paraclimberin. «In der Wand ist zwar jeder und jede von uns auf sich gestellt. Doch durch den Erfahrungsaustausch kommen wir gemeinsam weiter.»
Doris Rohner geht in der Saison 2025 vier Mal an den Start. Und ihr hartes Training zahlt sich aus: In Wien (AUT) und Augsburg (DE) klettert sie aufs Podest, in Bulle (CH) holt sie sich erneut den Schweizer Meistertitel.
Obwohl Spastiken – also unwillkürliche Muskelverkrampfungen – fortan vor allem ihr rechtes Bein beeinträchtigen, behält die junge Frau ihren Optimismus bei. Und dies nicht zuletzt auch dank ihrer Leidenschaft für den Sport. Sie probiert Neues aus und findet so schliesslich zum Klettern. Das eröffnet ihr ungeahnte Perspektiven: Nur wenige Monate nach dem ersten Probetraining bei PluSport erkennt Michael Bühler, Trainer Swiss Paraclimbing Team, Doris’ Talent. Sie wird eine der ersten Athletinnen des 2021 neu gegründeten SAC Swiss Para Climbing Team . «Das Klettern hat mir von Anfang an Kraft und Stärke zurückgegeben. Und mich neu beflügelt», erinnert sich Doris.
Auch heute steht Michael Bühler mit Trainerkollegin Verdad Curto Reyes in der Halle. Sie beobachten die Bewegungen der Athletinnen und Athleten an der Wand und feilen mit ihnen an Technik und Taktik. Viele der Sportlerinnen und Sportler sind von weit her nach Zürich angereist, kommen aus der Romandie oder dem Bernischen, vereint durch ein gemeinsames Ziel: an den kommenden Wettkämpfen Bestleistung zu zeigen.
Doris Rohner geht in der Saison 2025 vier Mal an den Start. Und ihr hartes Training zahlt sich aus: In Wien (AUT) und Augsburg (DE) klettert sie aufs Podest, in Bulle (CH) holt sie sich erneut den Schweizer Meistertitel. Leidenschaft, Ehrgeiz und gezieltes Training pushen Doris in der Wettkampfphase, das Maximum aus sich herauszuholen. In den Trainings arbeitet sie vor allem an der Kraft im Oberkörper, um die mangelnde Stabilität in den Beinen auszugleichen. Vor und nach der Saison rücken in der Rehaklinik Zihlschlacht die Beine hingegen ins Zentrum. «Fürs Klettern brauche ich starke Arme, doch an meiner Mobilität in den Beinen zu arbeiten, ist Gold wert», erklärt sie. Nur so schafft sie es, der MS entgegenzuwirken.
Die Wand schreckt nicht ab, sie motiviert die Athletinnen und Athleten des Swiss Para Climbing Teams.
Doris Rohner, Patientin der VITREA Rehaklinik Zihlschlacht, beim Üben.
Während des Jahres begleiten vertraute Personen die Paraclimberin, etwa Physiotherapeutin Nina Gehri oder Robotik- und Sporttherapeutin Peggy Tiebel. Letztere hat Doris bereits früh während Reha-Aufenthalten in der Rehaklinik in Zihlschlacht ermutigt, ihre sportliche Laufbahn professionell weiterzuverfolgen. «Sie hat sich unglaublich für mich eingesetzt, menschlich wie auch auf sportlicher Ebene», lobt Doris. Ein Glücksfall ist auch das Sponsoring der Rehaklinik Zihlschlacht: Vier Jahre unterstützt die Institution die Athletin finanziell, und ermöglicht ihr so volle Konzentration auf die Trainings und die Wettkämpfe. «Ohne die Menschen, die seit der Diagnose in mein Leben getreten sind, wäre vieles nicht möglich gewesen. Das ist eine ungemeine Bereicherung.»
Dieser Support ermöglicht es Doris, in dieser Saison auch an einem ganz besonderen Highlight teilzunehmen: Dank ihrer hervorragenden Leistung qualifiziert sich Doris Rohner für die Weltmeisterschaft im südkoreanischen Seoul. «Überseereisen muss ich allerdings mit Bedacht angehen», erklärt Doris. Denn Stress kann sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken.
Jede Saison bedeutet für Doris deshalb auch eine Gratwanderung zwischen sportlichem Ehrgeiz und achtsamem Umgang mit ihrem Körper. «Ich weiss, dass ich gut zu mir schauen muss. Gleichzeitig lote ich auch immer wieder meine Grenzen aus.» Für sie der beste Weg, ihr Leben trotz Krankheit auszukosten. «Aktuell kann ich noch sehr vieles machen. Sportlich sein, Dinge wie Gleitschirmspringen und Surfen ausprobieren, vielfältig mobil sein. Doch ich weiss nie, wie lange das so bleibt.» Deshalb will sie so viel wie möglich erleben. Und räumt gleichzeitig auch der Regeneration einen Platz im Alltag ein. Sie zwinkert: «Auch wenn es mir schwerfällt, denn ich kann meine Füsse nie stillhalten.»
Vertrauen in die Kraft ihres Körpers haben – für Doris Rohner im Training, aber auch abseits des Sports ein zentrales Thema.
Zurück in der Halle. Konzentriert zieht sich Doris Zug um Zug nach oben. Erst die Hände, dann die Beine, die sie kraftvoll mit den Armen nachzieht. «Gut so», ruft Bühler, der jede Bewegung beobachtet. «Vertraue auf deine Kraft.» Vertrauen in die Kraft ihres Körpers haben – für Doris Rohner im Training, aber auch abseits des Sports ein zentrales Thema. «Ich weiss, dass ich einen starken Oberkörper habe», sagt sie. «Doch manchmal in der Wand, beim letzten Push, da verlässt mich der Mut.»
Wichtige Stütze in diesem Prozess ist ihre persönliche Trainerin Anita Kolar (Alex Wydler Training), die sie seit dieser Saison zusätzlich begleitet. Kolar hilft ihr, diese Ängste zu überwinden.
«Und die Erfolge beweisen: Alles ist möglich, solange man an sich arbeitet.»
Und so geht es für Doris bald schon in die nächste Saison. Entschlossen, Erfahrungen zu sammeln, körperlich noch stärker zu werden und Griff für Griff ihrem grossen Traum näherzukommen: auch an den Sommer-Paralympics 2028 in Los Angeles auf dem Podest zu stehen. «Dann habe ich alles erreicht, was ich mir gewünscht habe.»